Das Versprechen

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Kapitelübersicht

Die drei Schwestern Amelia, Kara und Sarah standen mitten im Wald neben einem hellen Felsen und starrten auf eine silbern glänzende Dose, die inmitten der Drei auf dem feuchten Waldboden lag. Ihr Deckel war geöffnet und darin lagen einige Dinge, von denen sie sich verabschieden wollten.
"Also dann, tun wirs." schlug Kara vor.
"Einverstanden." anwortete Amelia und Sarah nickte dazu mit dem Kopf.
Der Deckel wurde geschlossen und wie das bei Metalldosen so üblich war, passte er nicht perfekt, aber gut genug um den Inhalt mehr oder weniger luftdicht zu verschlissen. Kara nahm die Dose in die Hand und hielt sie auf Bauchhöhe, die rechte Hand auf den Deckel gelegt. Es dauert einen Moment, dann legten auch Amelia und Sarah ihre Hände auf den Deckel und atmeten schwermütig durch. Etwas nervös aber voller Erwartungen begann Kara zu sprechen und die beiden anderen stimmten im Chor mit ein:
"Von nun an sind wir Blutsschwestern und unser Schwur soll ewig gelten. Gebunden sind wir aneinander und gemeinsam wollen wir dieser Welt trotzdem. So versprechen wir in genau zwanzig Jahren uns hier wieder einzufinden, um zur Mittagssonne diese Schatulle wieder auszugraben."

Das alles was schon lange her, genau zwanzig Jahre, um es auf den Punk zu bringen. Kara hatte in der Zwischenzeit viel erlebt und auf ihren Reisen neue Erkenntnisse gesammelt. Trotz allem hatte sie nie ihre Schwestern vergessen, die im Mittelland blieben und dort ihre Familien grosszogen. Sie machte sich keine allzu grossen Hoffnungen, dass die Beiden sich an den damaligen Schwur erinnern würden, doch wo sie die letzten Wochen ohnehin ganz in der Nähe verbrachte, wollte sie Amelia und Sarah auch sonst wieder einmal besuchen. Von Amelia wusste sie nur, dass sie nach dem Tod ihres Mannes nach Tar-Andelana gezogen war, um sich dort der Kunst zu widmen und ihre Tochter grosszuziehen. Sarah indessen lebte nach wie vor in Sternhaven, hatte dort das Elternhaus übernommen und unten zu einer Taverne ausgebaut. Vater wäre bestimmt stolz auf sie gewesen!

In Erinnerungen schwelgend überquerte Kara die letzte Brücke zwischen Fridensheim und Sternhaven, es war eine alte Holzbrücke ohne besondere Merkmale, die unter ihrem Gewicht leise ächzte. Sie erhielt jedoch ein besonderes Merkmal, als sie plötzlich verschwand und Kara kreischend in die Myrre fiel. Zappelnd planschte sie ein gutes Stück stromabwärts, bis sie ein kleines Ufer erreichte und triefend wieder zu der ehemaligen Brücke zurückkehrte.
"Das Schicksal will wohl nicht, dass ich diesen Schwur erfülle." mutmasste sie, denn eine andere Erklärung hatte sie dafür nicht. Wo vorher ein breiter Weg den Fluss überquerte, waren nur noch Gräser und Blumen zu sehen. Bis zum Wald hin wirkte alles wie ausgewechselt, und doch passte alles perfekt zusammen, wie schon zuvor.
"Aber davon lasse ich mich nicht einschüchtern! Hörst du!" rief sie mit funklenden Augen über den Fluss, ohne auch nur eine Spur von Angst in der Stimme. Die kam erst im nächsten Moment, als sie schon befürchtete, damit den Zorn der Götter auf sich gezogen zu haben. Als jedoch nichts geschah, beruhigte sie sich schnell wieder - nochmal Glück gehabt.
Nachdem sie ihre Kleidung einigermassen getrocknet hatte, folgte sie wieder dem Fluss bis nach Sternhaven, wo sie ein reges Treiben erwartete. In der Stadt wimmelte es nur so von Reisenden, Händlern, Abenteurern und Seefahrern, die entweder Sternhaven selbst besuchen wollten oder einfach nur auf der Durchreise waren. Kara wollte keine Zeit verplempern und schlug gleich den Weg zu ihrem alten Haus ein, welches sie aus der Nähe kaum wiedererkannte. Sie kannte die Taverne noch von ihrem letzten Besuch, doch mittlerweile wurde auch noch ein kleiner Saal angebaut.
"Kara, bist dus wirklich!?" Sarah konnte kaum glauben, ihre Schwester an diesem Tag wiederzusehen.
"Ich hab unser Versprechen nicht vergessen." antwortete Kara, während sich die beiden umarmten.
" Schwesterherz welches Versprechen meinst du?"
"Vor zwanzig Jahren... im Wald..."
Sarah blickte sie mit offenem Mund und grossen Augen an.
"Nein, das hast du dir gemerkt? All die Jahre? Bei den Göttern, ich hatte das längst vergessen!"
Man konnte es ihr nicht übel nehmen, Sarah war schon immer ein wenig vergesslich, aber ein bisschen enttäuscht war Kara letzendlich doch. Andererseits, sie fühlte sich stolz, offenbar als Einzige daran gedacht zu haben. Amelia musste es vergessen haben, sonst wäre sie bestimmt schon längst da gewesen. Trotz ihrer künstlerischen Ader hatte sie nämlich die Angewohnheit, überpünktlich zu sein.
"Aus welchem Grund auch immer, ich freue mich, dich wiederzusehen." meinte Sarah lächelnd und führte ihre Schwester ins Haus, wo bereits einige hungrige Gäste auf ihr Mahl warteten. Mittlerweile war es Abend geworden und Kara war froh, vor Einbruch der Nacht in Sternhaven angekommen zu sein. Sie liess sich von Sarah den neuen Saal zeigen, der mit weiteren Tischen gefüllt war und bei besonderen Anlässen auch gut als Tanzfläche genutzt werden konnte, dann wurde bereits das Abendmahl serviert und Kara durfte endlich ihren Hunger stillen und dabei von ihren Erlebnissen erzählen.

Am nächsten Tag schlief sie bis zum Mittag aus, schliesslich war ein daunengefülltes Bett viel bequemer als der harte Waldboden, auf dem sie unterwegs genächtigt hatte. Noch ganz verschlafen und mit zerzaustem Haar stapfte sie die Treppen runter, als ein bekanntes Gesicht durch die Eingangstür trat: Amelia hatte es nicht vergessen und den weiten Weg auf sich genommen, um gemeinsam mit ihren Schwestern das alte Versprechen einzuhalten.
Die Drei feierten ihr Widersehen, erzählten sich alte und neue Geschichten, lachten über die Vergangenheit und lästerten gemeinsam über die kleinen Dinge im Leben, ganz wie in frühen Zeiten. Auf diese Weise hatte die Schatulle ihren Zweck eigentlich bereits erfüllt, indem sie die Schwestern wieder zusammenbrachte und die Erinnerungen an deren Kindheit noch einmal aufflackern lies. Aber nach all den Jahren konnten sie natürlich nicht mehr davon abgehalten werden, das Ding auch wieder zu öffnen.
So suchten sie am Nachmittag gemeinsam die Stelle im nahen Wald, wo die Schatulle einst vergraben wurde. Es war nicht weit von der Stadt, aber ohne den genauen Weg zu kennen hätte man die Stelle nicht wiedergefunden. Nur gut, dass sie bei den alten Sachen auf Elisas Dachstock noch die Karte gefunden hatten, das machte die Sache um einiges leichter. Kara hätte nämlich schwören können, dass sie eine andere Abzweigung hätten nehmen sollen, aber als sie weiter drinnen den hellen Felsen wiederfanden, musste sie den eingezeichneten Weg anerkennen.
"Ja das ist er, ich erkenne ihn genau wieder." meinte die mit der Hand über den alten Stein streichelnde Amelia.
"Hätte nicht gedacht, dass wir uns wirklich wieder hier versammeln." fügte sie noch an.
"Es ist wirklich lange her... ich weiss gar nicht mehr, was ich alles reingetan habe." schmunzelte Sarah.
"Das werden wir gleich sehen." sprach Kara und tastete mit der Hand den Boden ab.
"Genau hier war es, richtig?"
Die beiden Frauen nickten und Kara fing an zu graben. Der lockere Boden liess sich gut aufstossen und die darunterliegende Erde wirkte frisch und unberührt, wie man es nach zwanzig Jahren auch erwarten durfte. Ein paar Würmer und Käfer flüchteten aus der Gefahrenzone, als ihre Heimat aufgegraben wurde, aber um die brauchte man sich nun wirklich keine Sorgen machen.
Eine gute Viertelstunde später standen die drei Schwestern vor einem knietiefen Loch und starrten ungläubig hinein. Kara hatte fleissig gegraben aber nichts zu Tage gefördert.
"Es war genau hier, ich bin mir ganz sicher." beteuerte Amelia.
"Ja, ich auch." stimmte Kara zu, "Aber vielleicht haben wir uns geirrt, ich versuchs hier nochmal.. schau, es sieht ganz ähnlich aus."
Gesagt, getan, buddelte Kara auf der anderen Seite des Steins noch ein Loch... wieder nichts. Aus Frust wurden aus den zwei bald drei, vier, fünf Löcher, wobei jede einmal den Spaten in die Hand nehmen durfte. Ohne Ergebnis.
"Ich glaub das einfach nicht... hat die jemand gestohlen?"
"Kann doch kaum sein, niemand wusste davon."
"Ich habs auch niemandem erzählt."
Die drei Schwestern waren ratlos. Die Stelle war korrekt, keine von ihnen hatte etwas verraten und doch war die Schatulle verschwunden. Wie konnte das geschehen?
Mit gesenkten Köpfen kehren sie im warmen Licht der untergehenden Sonne nach Sternhaven zurück, um den Rest des Abends im Schankraum der Taverne zu verbringen und sich über das merkwürdige Ereignis zu unterhalten. Es war schlicht unmöglich, dass sich jemand an der Schatulle zu schaffen gemacht hatte, und genauso unmöglich war, dass sie beim falschen Felsbrocken gegraben hatten.
So blieb letzendlich nur eine Erklärung für das Verschwinden der Erinnerungsstücke: Wie bei der Brücke, die Kara nicht rechtzeitig überqueren konnte, musste die Welt sich verändert und den kleinen Schatz weit weg bewegt haben. Das Schicksal hatte am Ende doch gegen Kara gesiegt.

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