Schicksalsreise - 2

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Kapitel 2

Es wurde still, als ich eintrat. Nichts regte sich. Dann schloss sich die schwere Tür. Die Wache war draußen geblieben, da nur Magier und Ratsmitglieder hier eintreten durften. Die Magier saßen auf Holzstühlen, die mit prächtigen Runen geschmückt waren. Sie trugen alle weite, samtene Gewänder, doch waren nicht wie ich erwartet hatte mächtige Symbole eingestickt. Zwar hatte mein Meister mir viel über den Kreis der alten Magier erzählt, doch anscheinend hatte sich einiges geändert. Alle Gewänder hatten die gleiche Farbe, Schwarz mit einigen Rottönen, so waren die offiziellen Roben der Magier bekannt. Auch ich trug solche Gewänder.

Der Raum war prunkvoll ausgestattet: Lange Teppiche in den unterschiedlichsten Farben hingen von den Wänden herab, der Boden war mit Silber, der Farbe der Schwertgilde, verziert und ein großer Ritualkreis war in der Mitte des Raumes eingelassen. Dorthinein stellte ich mich und wartete auf den Schreiber, der für die Magier sprechen würde. Selten sprachen die Magier selbst zu Magiern. Schließlich trat der Schreiber aus dem Schatten des Stuhles des Großmagiers, dessen Lehne größer als alle anderen Stühle war, hervor und grüßte tonlos: „Friede!“

„Friede! Ich grüße die Stimme der Magier und die Magier selbst!“, entgegnete ich und kniete nieder.

Ein paar der Magier nickten stumm, dann sprach der Schreiber weiter: „Wir wissen von deiner Suche, Ela’had, Sternenwandler. Du suchst die Elben, die Wohlgeborenen. Doch nenne uns den Grund dafür. Bedenke deine Worte, denn du sprichst vor dem Rat der Magier.“

Die Stimme des Schreibers brach ab, die Magier hatten ihm keine Worte mehr in den Mund gelegt. Jetzt war es an mir zu sprechen, doch in meinem Kopf schwirrten die Gedanken. Mein Lehrmeister war oft an mir verzweifelt, mit Magie war ich nicht sonderlich bewandert. Auch meine Meditationen halfen mir nicht, mein leicht zynisches Gemüt unter Kontrolle zu bekommen. Ich war genau das, was von allen Magiern verachtet wurde: Ungeduldig, ich brachte nichts zustande und manchmal war ich übereifrig.

Dennoch versuchte ich, das Wort an die Magier zu richten: „Danke, dass Ihr mich empfangen habt, Ehrwürdige! Es wundert mich nicht, dass Ihr von meiner Suche gehört habt. Mein Lehrmeister äußerte diesen Wunsch, bevor er in das Reich des kalten Todes ging.“ Ich brach ab, die Gefühle übermannten mich. Mir war nie so bewusst gewesen, wie sehr ich diesen alten Mann mochte. Gemocht hatte. Er war alles gewesen, was mir etwas bedeutet. Er hatte meine Eltern ersetzt, die ich nie kennen gelernt hatte. Ich musste eine Träne zurückhalten und atmete tief durch, dann fuhr ich langsam und bedacht fort. „Die Elben sind ein starkes Volk, welches allerdings nicht gerade freundlich gegenüber Menschen und Magiern gesinnt ist. Ich weiß den Grund dafür nicht, aber ein Grund, die Wohlgeborenen zu suchen, ist zu erfahren, warum sie uns hassen.“ Ich verstummte und blickte mich scheu um.

Ein ranghoher Magier hinter dem Schreiber, da dieser in den silbernen Ritualkreis getreten war, regte sich behutsam und begann langsam, zu mir zu sprechen. Nur wenige hatten bis jetzt die Stimme der Magier vernommen: „Und der wahre Grund für deine Suche?“ Die Stimme war schon alt und brüchig, da sie selten benutzt wurde. Und doch war etwas in ihr, dass mich erschaudern ließ.

„Ich... ich suche das Wissen der Wohlgeborenen. Ich möchte von ihnen lernen.“

„Also nur um etwas für Euch zu erreichen?“ Der Magier starrte mich an.

„Nein,“, antwortete ich verzweifelt, „um die Länder vor dem Krieg der Gilden zu bewahren. Die Gilden stehen sich schon auf dem Schlachtfeld gegenüber, es fehlt nur ein Anlass um aufeinander loszustürmen. Indem ich mir Wissen über die Gilden, Menschen und ihre... ihre Wünsche aneigne, kann ich vielleicht einen Jahrhundertkrieg verhindern.“

Die Magier blickten auf mich von ihren Stühlen herab, ich dachte schon, es würde nichts mehr geschehen, da erhob sich der Großmagier. Er hatte mir bis jetzt nur regungslos zugehört, sodass es fast wirkte, als schlafe er. „Du bist der Einzige, der die Wahrheit ausspricht, Ela’had, Sternenwandler. Doch warum sollten sie Euch helfen? Unsere Fehden gehen sie nichts an und noch nie haben sie sich dafür interessiert. Warum sollten sie ausgerechnet jetzt eingreifen und ihr wohl behütetes Wissen weitergeben?“

Ich war verblüfft, dass nun auch der Großmagier zu mir sprach. Meine Verwirrung nahm noch mehr zu. Nun auch der Großmagier? Was wurde hier gespielt? Ich bin doch nur ein einfacher Magier, ich verdiene diese Ehre nicht. Ich sammelte in Gedanken mein Erlerntes, schließlich musste ich einem Großmagier antworten, ja fast widersprechen. „Eure Fragen könnt Ihr euch selbst beantworten, Meister. Die Elben sind weise und werden sehr wohl wissen, dass auch sie von dem Krieg betroffen sind. Deshalb werden sie uns helfen. Früher einmal lebten Menschen, Magier, Elben und alle anderen Kreaturen friedlich nebeneinander, diese Zeit werden sie nicht vergessen haben. Ich weiß zwar nicht, was passiert ist, dass wir uns auseinander lebten, doch weiß ich, dass der Wunsch nach Frieden besteht!“

Die Stille hatte sich im Turmsaal breit gemacht. Nur ein Teppich, der wohl durch einen Windstoß, der durch ein offen stehendes Fenster weit oben im Turm von den Wänden geweht worden war, klatschte geräuschvoll an die gegenüberliegende Wand und blieb wie von einer unsichtbaren Hand gehalten daran kleben. Die Magier schienen gedanklich über das zu diskutieren, was ich gesagt hatte, es lag ein arkanes Flimmern im Raum. Ich hoffte, nichts Falsches getan zu haben. Hätte ich den Großmagier mit meiner Antwort beleidigt, weil ich respektlos war... dann könnte ich niemals meines Lehrmeisters letzten Wunsch erfüllen. Eine schwere Last würde auf meinen Schultern lasten, so schwer, dass ich für immer gedemütigt sein würde. Den letzten Wunsch nicht zu erfüllen, war ein schweres Vergehen. Doch ohne die Zustimmung des Magierrates konnte ich nicht die Elben suchen. Meine Verzweiflung wuchs. Es schien mir, als würde es immer wärmer werden, Schweiß perlte von meiner Stirn, und die Zeit schien endlos. Da hob der Großmagier endlich seine Hand. Sofort verstummten die leisen Geräusche. „Woher wollt Ihr das wissen?“, fragte er, ohne seine Neugier zu verstecken. Oder aber er machte sich einen Spaß aus meiner Angst.

Ich war verdutzt, musste erst einmal überlegen, wovon er sprach. Dann erinnerte ich mich. Trotzig antwortete ich: „Ihr alle als Magier des siebten Grades solltet das Verlangen nach Frieden spüren!“

„Weise gesprochen... du sagst wieder die Wahrheit, wir fühlen in der Tat das Verlangen.“ Der Großmagier starrte mich an, ebenso wie alle anderen im Raum. Innerlich überwältigte mich fast das Verlangen, weg zu laufen, nur um vor diesem Blick zu flüchten. Doch meine Beine wollten nicht. Dann, mit mächtiger Stimme, die im ganzen Raum widerhallte, sprach er die Worte, die mein Schicksal sein sollten: „Suche als Vertreter der Magier die Elben und erbitte ihr Wissen, auf dass die Gildenkriege enden können und Geschehens ungeschehen wird. Steh auf, Ela’had, Magier des ersten Grades und Chor’om des Magierrates von Ashany und der Länder.“

Der Schreiber gab allerdings das wieder, was die anderen Magier dachten: „Auf dass die Götter Euch helfen.. .“


Benommen erhob ich mich und blickte zu dem Großmagier auf. Seine blauen Augen strahlten von der Kraft seiner Seele, ich musste meinen Blick abwenden. Eine angenehme Wärme umgab mich. Der Großmagier sprach weiter: „Sucht in den Wäldern von Devrentharr nach den Elben, dort ist der Letzte vor vielen Winterwenden gesehen worden.“

Ich stammelte mühsam ein leises „Ich danke Euch“. Noch einmal ließ ich meinen Blick in dem Turmsaal umherschweifen, dann schritt ich gemessenen Schrittes zurück zur großen Ahorntür. Leise schwang sie auf, die Wache wartete wieder auf mich. Sie führte mich in das Gästehaus, ich folgte ihr stumm und ohne sichtbare Regung. Ich hatte erreicht, was ich wollte: Die Erlaubnis, die Elben zu suchen... ich hatte sogar den Rang eines Sonderbeauftragten... ich konnte den letzten Wunsch meines Lehrmeisters erfüllen. Doch... doch musste ich das wirklich? War dieser Wunsch nicht ein zu großer Herzenswunsch? Ich... ich sollte einen Krieg der Gilden verhindern. Wie konnte ich glauben, dass ich das schaffen könnte? Ich muss verrückt geworden sein. Was war nur in mich gefahren? Dann überkam mich die Erkenntnis: Diese Reise würde etwas verändern. Diese Einsicht war so stark, dass ich mit ganzem Herzen an ihr festhielt.


Selbst als wir das Gästehaus erreichten, war ich noch in Gedanken. Die mir noch vor einem Kugelmond so interessante Stadt Ashany erschien mir nun wie etwas Normales, etwas, dass ich nicht weiter beachten musste. Ich war mit meinen Gedanken weit von dieser Welt entfernt. Manchmal spürte ich den Blick von der Wache, die mich führte, doch blickte ich nicht auf. Mir war egal, was sie und auch alle anderen dachten.

„Ich lasse Euch nun wieder mit Falkenkind alleine. Er wird für Euch sorgen, solange Ihr in der Stadt verweilt. Solltet Ihr zum Aufbruch bereit sein, so schickt einen Falken zum Magierrat.“ Mit diesen Worten wandte sich die Wache an mich und zerbrach die für mich so kostbare Stille. Ich nickte nur stumm und schloss die Eingangstür. Erschöpft von der Audienz beim Magierrat schleppte ich mich in das Schlafzimmer, in dem ich auch aufgewacht war. Falkenkind wartete dort schon auf mich. Er trug immer noch dieselbe Dienerrobe und wollte mich ansprechen, doch ich winkte ab: „Bitte... lass mich eine Weile allein. Ich muss... einiges überdenken.“

„Aber... “, wollte mir Falkenkind leicht traurig wiedersprechen. Er hatte mich anscheinend schon in sein kleines Herz geschlossen.

„Kein aber... geh jetzt.“, unterbrach ich ihn und öffnete eines der großen Fenster. Falkenkind war inzwischen gegangen, wenn auch nur schweren Herzens, so vermutete ich. Gedankenlos legte ich mich auf das Bett. Ich schlief schnell ein, war ich doch noch immer von der langen Reise nach Ashany und von der Unterredung mit dem Magierrat erschöpft.


Als es dämmerte, wachte ich auf. Draußen sah man noch die letzten warmen Sonnenstrahlen und ich genoss den wunderschönen Vorgang, der sich vor meinen Augen abspielte. Der ganze Himmel war erst orange gefärbt, dann, als die Sonne schon nicht mehr zu sehen war, färbte er sich noch einmal tiefrot. Mir kam der Gedanke, dass der Himmel brenne. Doch verbannte ich diese Vorstellung schnell wieder, sie machte mir Angst.

Ich strich meine Kleider glatt, denn ich hatte sie während des Schlafens angelassen und einige größere und kleinere Falten hatten sich zu meinem Ärger gebildet. Meinen Stab ließ ich auf dem Bett liegen, doch das verzierte Schwert und die Kette waren inzwischen für mich so etwas wie lebensnotwendig geworden, so nahm ich sie wieder an mich. Auch den schweren schwarzen Mantel hängte ich mir um, dann verließ ich das Gästehaus, um zum Meer zu gehen. Ich liebte die Brandung, die Wellen, so stark und doch so sanft. Doch ließ ich mir Zeit, ich wollte die Stadt genauer erkunden. Nun hatte ich endlich die Zeit und die Stimmung dafür, niemand drängte mich weiter oder verwirrte mich, sodass ich auf die Stadt achten konnte.

Ich befand mich im inneren Ring direkt neben dem großen Marktplatz, auf dem fast jeder, der wollte, seine Waren verkaufen konnte. Da es aber schon dunkel war, befanden sich nur noch wenige Leute auf dem Platz, jeder bemühte sich so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Nur die patrouillierende Stadtwache mit ihren langen Lanzen und Schilden, die das Wappen der Schwertgilde trugen, ließ sich Zeit, sah sich genau um, schließlich musste sie die Sicherheit des Gildenrates und anderen wichtigen Persönlichkeiten der Stadt gewährleisten. Als ich den weiten Marktplatz verlassen hatte, kam ich auf die Hauptstraße, sie wurde Marktgasse genannt. Sie führte durch die ganze Stadt hinaus zum Meer und dem Hafen. So schritt ich langsam, aber mit gleichmäßigen Schritten auf dieser Straße entlang und genoss die abendliche Stimmung. In der Stadt war es ruhig, nur manchmal hörte man leises Stimmengemurmel aus einem der nahen Häuser. Mir begegneten nur ein, zwei Männer, die wohl von einer Gaststätte zu einer anderen torkelten. Die Wachen beachtete ich nicht. Als ich das Tor zum äußeren Ring durchschritt, überkam mich das Gefühl verfolgt zu werden. Ich drehte mich rasch um, doch konnte ich niemanden entdeckten. Ich drehte mich weiter um meine eigene Achse, doch das Gefühl verschwand wieder so plötzlich wie es gekommen war. Zerstreut ging ich weiter in den äußeren Ring hinein. Hier war es noch stiller als im inneren Ring, doch beachtete ich das nicht. Ich wollte so rasch wie möglich an das Meer, um hoffentlich endlich wieder klare Gedanken zu bekommen und um nachzudenken. Hier in der Stadt war ich dazu nicht in der Lage.

Ich schritt an grauen Hauswänden und eisenbeschlagenen Türen entlang, die allesamt den Eindruck vermittelten, man sei nicht erwünscht. Das war in der Tat so, deshalb wählten dunkle Gestalten wie Meuchelmörder und Angehörige anderer Gilden diese Gegend der Stadt. Es kam mir vor, als hätte Ashany zwei Gesichter, so wie jeder Mensch: Ein schönes, nach außen gekehrtes und eines, dass dunkel und nach innen gekehrt ist.

Erst jetzt fiel mir auf, dass meine Hand die ganze Zeit schon auf meinem Schwert ruhte. Erschrocken ließ ich los, ich hatte noch nie Gefallen am Kämpfen gefunden und doch trug ich ein Schwert. Das Meer kam langsam in Sicht, ich hörte, wie die Wellen gegen die Kaimauer stießen. Vereinzelt flogen Möwen über den Schiffen, die im Hafen geankert hatten, hin und her, doch niemand sonst war noch hier. Ich schritt schnell weiter, erst als ich freien Blick von der Hafenmauer auf das Meer hatte, hielt ich an und setzte mich nieder. Das Meer breitete sich nun wie die Schwingen eines Falken vor mir aus, ich musste den Atem anhalten, so fasziniert war ich von dem Anblick. Der Mond spiegelte sich im Wasser. Ich genoss die Stille und atmete tief ein. Der Geruch des Salzwassers erinnerte mich an mein altes Zuhause, das ich verlassen hatte, um die Elben zu suchen.


Es war inzwischen ganz dunkel geworden, nur der silberne Mond schien und ließ mich etwas sehen. Ich dachte an meine Zeit bei meinem Lehrmeister. Er hatte meine Familie ersetzt, vor allem meinen Vater, den ich nie gekannt hatte. Er war immer aufmerksam gewesen, hatte mir bei jedem Problem geholfen, sei es noch so groß. Doch ich hatte ihm nie gedankt. Ich war ein ungeduldiger Schüler gewesen, der nur selten eine Runenformel richtig aussprach, wenn er einen Zauber wirken wollte und sollte. Erst als mein Lehrmeister, Kijal war sein Name gewesen, mich in seiner letzten Stunde zu sich rief und mir seinen Wunsch flüsterte, erkannte ich das Geschenk, das ich mein ganzes Leben nicht geöffnet hatte und welches nun ungeöffnet von mir ging. Die Trauer hatte mich lange in meinem Heimatdorf festgehalten. Erst als die Asche Kijals in den Fluss gestreut wurde, erwachte ich und entsann mich seines Wunsches. Vorbereitungen brauchten nicht getroffen zu werden und so reiste ich der folgenden stürmischen Nacht ab. Ich machte mich sofort auf den Weg nach Ashany, um den Magierrat um Erlaubnis zu bitten, die Elben zu suchen und von ihnen zu lernen. Im Wald von Ashany hatte ich dann Sharran getroffen.

Ich musste innehalten. Meine Finger verkrampften sich, ein kalter Schauer lief mir über den Rücken, denn plötzlich war eine alte Frau neben mir aufgetaucht. Verdattert stand ich auf und legte meine Hand an das Schwert. Die Frau folgte jeder meiner Bewegungen mit ihren Augen, doch schien keine Gefahr von ihr auszugehen. Aber ich mahnte mich zur Vorsicht, schließlich hatte ich dies von Sharran auch gedacht. Ich sprach sie unsicher an: „Was wollt Ihr von mir, alte Frau? Es geschieht nicht gerade oft, dass eine Frau zu so später Stunde noch unterwegs ist.“

Die Frau ging einen Schritt auf mich zu. „Ihr seid Sternenwandler.“ Das war eine Feststellung, keine Frage. Ich wurde immer fassungsloser. Woher kannte sie meinen Namen? Woher kannte sie die Übersetzung? Wer war sie und was wollte sie von mir?

Sie plauderte weiter: „Das Meer ist wunderschön, nicht wahr?“ Wenn sie sprach, hörte es sich an, als würde sie singen. Ich starrte sie die ganze Zeit an, brachte kein Wort über meine Lippen. Sie trug ein zerschlissenes Kleid, an einigen Stellen sah man noch die frühere Farbe, weiß. Doch nun war es grau. Ihre faltigen Hände lagen gefaltet auf einem Eichenholzstab, in den einige Verzierungen eingeritzt waren. Über einen Teil ihres Gesichtes hingen silbergraue Haare, sie hatten sich aus dem Zopf, der auf ihrem Rücken ruhte, gelöst.

„Ihr müsst mich nicht die ganze Zeit anstarren. Euer Schwert könnt Ihr ebenfalls wegstecken. Ich glaube, Ihr seid nun daran, etwas zu sagen, meint Ihr nicht auch? “, fragte sie mich amüsiert.

„Ich...“, ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte, „wer seid Ihr? Woher kennt Ihr meinen Namen?“

„Nun. Ich bin Sabriel, eine Wächterin.“, stellte sie fest. Mehr hatte sie anscheinend nicht dazu zu sagen. Also fuhr ich fort: „Eine Wächterin? Ihr seid von der Stadtwache?“

„Nein.“ Sie schmunzelte leicht. Wie konnte eine alte Frau auch zur Stadtwache gehören? „Ich bin eine Wächterin. Eine Wächterin des Gleichgewichts. Ich bin hier, um Euch einiges zu erzählen.“ Sie hatte sich inzwischen auf die Hafenmauer gesetzt, ich stand neben ihr und nickte nur. Ich wollte sie nicht unterbrechen, vielleicht konnte sie mir etwas über mich und meine Aufgabe sagen. Sabriel holte tief Luft, dann fing sie an zu sprechen.

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